24.11.2004 KIN 120 - Gelbe Elektrische Sonne - Sonne 3 - Welle 10/Weißer Spiegel
G-20-KONFERENZ IN BERLIN: Finanzminister und Notenbanker beraten über die Krise
des Weltwährungssystems Artikel im Tagesspiegel Berlin 24.11.2004
Die Dollar-Bombe
Amerikas Abstieg zum weltgrößten Schuldner wird zur Gefahr für die
Weltwirtschaft: Chinas Regenten haben es in der Hand, ob der Greenback abstürzt
Von Harald Schumann
Mit diesem Kunden arbeitet jede Bank gerne. Er ist extrem vermögend und hortet
Geld, Gold und Wertpapiere in aller Welt. Zuweilen übermittelt er Aufträge noch
etwas altmodisch per Telex. Aber er lässt auch Milliardensummen monatelang auf
kaum verzinsten Geldkonten liegen, mit denen die begünstigte Bank dafür umso
besser verdient. „Das ist einer der größten Player im Markt“, schwärmt Thorsten
Schweigert, Direktor der zuständigen Abteilung der Deutschen Bank. 20
Finanzinstitute seien weltweit für diesen Auftraggeber im Einsatz. Der betreibe
„eine Akkumulation von Geldreserven“, so Schweigert, „die ist sensationell“.
Die Sensation hat ihren Ursprung in Peking, und der gefragte Großkunde ist die
Zentralbank der Volksrepublik China. Die Währungshüter aus dem Reich der Mitte
haben in den vergangenen fünf Jahren einen riesigen Schatz an Devisenreserven
angehäuft. Schon fast 500 Milliarden Dollar, großteils angelegt in
amerikanischen Staatsanleihen, haben Chinas Wirtschaftslenker auf Dutzenden
Konten in New York, Tokio und Frankfurt geparkt. Und jeden Monat werden es ein
paar Milliarden mehr.
Der anschwellende chinesische Dollarberg ist Ausdruck einer weltwirtschaftlichen
Konstellation, wie es sie noch nie gab: Die Vereinigten Staaten haben sich auf
Gedeih und Verderb in eine gegenseitige Abhängigkeit mit ihrem ärgsten Rivalen
verstrickt, dem noch immer von einer kommunistischen Partei regierten China.
Würde Notenbankchef Zhou Xiaochuan morgen seine Mitarbeiter anweisen, alle
Dollarpapiere auf den Markt zu werfen, würde dies Amerika unvermeidlich in eine
tiefe Wirtschaftskrise stürzen. Ein Absturz des Dollarkurses würde mit drastisch
steigenden Zinsen einhergehen. Zig Millionen hoch verschuldeter Amerikaner
müssten plötzlich sparen. „Die Chinesen halten eine finanzpolitische Bombe in
Händen“, konstatiert Heribert Dieter, Finanzmarktexperte der Stiftung
Wissenschaft und Politik. Amerika sei „erpressbar geworden“.
Wichtigste Ursache für diese verblüffende Entwicklung ist der Abstieg der USA
zum weltgrößten Schuldnerland. Seit nunmehr 15 Jahren importieren die Amerikaner
mehr Güter und Dienstleistungen, als sie ihrerseits in andere Länder
exportieren. In diesem Jahr wird dieses so genannte Leistungsbilanzdefizit schon
fast sechs Prozent der US-Wirtschaftsleistung betragen. Eine Nation, die derart
über ihre Verhältnisse lebt, ist zwangsläufig auf Kapitalzuflüsse aus dem
Ausland angewiesen. Unweigerlich geraten die USA darum gegenüber dem Rest der
Welt immer tiefer in die Kreide. Netto, also nach Abzug amerikanischer
Investitionen im Ausland, stand Amerika im Jahr 1997 mit nur 360 Milliarden
Dollar in den Miesen. Heute, sieben Jahre später, beträgt die Außenschuld jedoch
bereits 3,2 Billionen Dollar. Das entspricht einem Viertel der amerikanischen
Wirtschaftsleistung (siehe Grafik).
Wollte man diese Verpflichtungen tilgen, müssten knapp drei Jahre lang sämtliche
Exporterlöse der US-Wirtschaft dafür aufgewendet werden – ein Verhältnis von
Schulden zu Exporteinnahmen wie im notorisch überschuldeten Brasilien.
Mittlerweile benötigt die US-Ökonomie jeden Tag 1,8 Milliarden Dollar
Auslandskapital, nur um das derzeitige Konsumniveau zu halten. Die Vereinigten
Staaten „gleichen einem sehr großen lateinamerikanischen Schuldenstaat“ spottete
darum sogar die „Financial Times“.
All das galt unter Ökonomen aller Couleur lange nicht als Problem. Denn anders
als die Krisenstaaten im Süden des Kontinents genießen die USA als Heimatland
der globalen Leitwährung das Privileg, sich in der eigenen Währung verschulden
zu können und darum den Wechselkurs nicht fürchten zu müssen. Zudem haben
private Anleger aus aller Welt die ganzen 90er Jahre hindurch nur zu gern ihr
Geld in Amerika angelegt, um am dortigen Boom teilzuhaben. Seinerzeit war auch
der Staatshaushalt ausgeglichen, der Kapitalzufluss diente überwiegend der
Finanzierung von Investitionen. „Der Markt“ steuere das Leistungsbilanzdefizit
und den Dollarkurs, beteuerten die Finanzminister der Clinton-Ära darum stets
und sahen keinen Handlungsbedarf.
Doch von dieser heilen Welt ist heute nichts mehr übrig. Nach dem Platzen der
Börsenblase haben sowohl die Notenbank Federal Reserve als auch die
Bush-Regierung alle Schleusen geöffnet. Niedrige Zinsen und große
Steuersenkungen fluteten den Markt mit billigen Dollars, die drohende Rezession
konnte abgewendet werden. Doch der Preis dafür war hoch: Die Minizinsen lockten
die Bürger noch tiefer in die Verschuldung, Amerikas private Sparquote liegt
nahe bei null. Zur Finanzierung von Investitionen und Staatsschulden steht
praktisch kein inländisches Kapital zur Verfügung.
Gleichzeitig hat die Bush-Politik zusätzlich ein tiefes Loch in die
Staatsfinanzen gerissen. Allein die Kriege im Irak und in Afghanistan haben die
Militärausgaben um mehr als 100 Milliarden Dollar im Jahr erhöht, noch teurer
waren die Steuergeschenke. Mit über 400 Milliarden Dollar jährlicher
Neuverschuldung bewegt sich darum auch die US-Regierung weit jenseits der
Maastrichtgrenze und bezahlt das – anders als die Bundesregierung – mit Krediten
aus dem Ausland. Private Geldgeber gibt es für diese Politik allerdings nur
wenige. Wo es marktwirtschaftlich zugeht, bricht darum der Dollarkurs ein. Dass
der Euro in den vergangenen drei Jahren gegenüber der US-Währung 46 Prozent an
Wert gewonnen hat, ist denn auch keineswegs das Werk böser Spekulanten. Amerika
konsumiert mehr, als seine Wirtschaft leistet, und aus dem Euroraum will niemand
das Defizit finanzieren, folglich verfällt die amerikanische Währung.
Doch das Verblüffende ist: Für die US-Wirtschaft ist das weitgehend folgenlos.
Kein Zinsschock zwingt Amerika zum Sparen. Immobilienkredite und Staatsschulden
sind noch immer billig. Der Import von Konsumgütern brummt wie zuvor. Denn
Amerika hat andere potente Geldgeber gefunden. Statt der unsichtbaren Hand des
Marktes hat die sichtbare Hand der ostasiatischen Regierungen die Regie im
globalen Dollarthriller übernommen, allen voran das Regime in Peking. Denn das
wichtigste Anliegen der chinesischen Wirtschaftspolitik ist das Wachstum der
Exportindustrie. Abermillionen billiger Arbeitskräfte strömen in die Städte, und
bisher reichte die Binnennachfrage nicht aus, um für die Landflüchtigen genügend
Jobs zu schaffen, von denen mindestens 10 Millionen jährlich zusätzlich benötigt
werden. Darum hält die Regierung von Parteichef Wen Jiabao eisern an der
Dollarbindung des chinesischen Yuan fest: 8,78 Yuan bringt ein Greenback in
China, und das seit neun Jahren. So bleiben Chinas Waren in Amerika billig,
obwohl das Land im Handel mit den USA riesige Überschüsse erzielt.
Die Exportförderung durch Währungsdumping kommt China allerdings teuer zu
stehen: Die Zentralbank muss alle überschüssigen Dollars kaufen und in Amerika
anlegen, obwohl sie dort kaum Zinsgewinne erwirtschaftet. De facto
subventioniert so ausgerechnet der US-Rivale China Amerikas Kriege mit
milliardenschweren Billigkrediten.
Gleichzeitig setzt Peking mit seiner Dollarpolitik den Takt für die gesamte
Region. Um gegenüber dem Giganten in ihrer Mitte nicht zurückzufallen, schützen
die Regierungen von Japan bis Malaysia ihre Währungen vor Aufwertung, indem sie
ebenfalls einige hundert Milliarden Dollar jährlich in US-Papieren anlegen. Das
Ergebnis dieser wilden Kombination von amerikanischem Konsumrausch und
asiatischem Exportwahn enthüllte jetzt ein Bericht der Federal Reserve: Schon im
Jahr 2003 kauften ausländische, überwiegend asiatische Notenbanken für 441
Milliarden Dollar US-Wertpapiere und finanzierten damit vier Fünftel des
gesamten Außenhandelsdefizits der USA. Folglich liegt das Schicksal der
US-Ökonomie und damit letztlich auch der Weltwirtschaft nunmehr in der Hand der
Regierungen Ostasiens – ein Umstand, den viele Fachleute als höchst riskant
ansehen. So sprach Fred Bergsten, Direktor des renommierten Institute for
International Economics, von einem „Desaster in the Making“. Kenneth Rogoff,
ehedem Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF), warnte vor einem
möglichen Absturz in Inflation und Stagnation wie in den 70ern des 20.
Jahrhunderts. Martin Wolf, Kolumnist der Financial Times mit Weltruf, schrieb
gar, Amerika befinde sich „auf dem Weg in den Ruin“ und riskiere die globale
Rolle seiner Währung. Und Lawrence Summers, bis 1999 Finanzminister der
Clinton-Administration, sprach aus, was sein Nachfolger John Snow tunlichst
verschweigt: „Um die Energieabhängigkeit Amerikas vom Ausland wird viel Wind
gemacht, aber die Abhängigkeit vom ausländischen Geld ist viel bedrückender.“
Noch gibt es keinen Grund zur Panik. Noch fährt der asiatische Geleitzug für
Amerikas Finanzen. Und auch Mahner wie Summers erkennen an, dass die Regenten in
Peking kein Interesse haben, ihren wichtigsten Absatzmarkt mit einem
Dollar-Crash zu versperren. Insofern beruhe die Stabilität vorerst auf einem
„Gleichgewicht des finanziellen Terrors“, formulierte Summers in Anlehnung an
das Gleichgewicht der nuklearen Abschreckung im Kalten Krieg. Gleich, ob im
Streit um Taiwan oder in Handelskonflikten, beide Seiten sind zum Stillhalten
verdammt. Doch fraglich ist, wie lange das Gleichgewicht hält. Nach Meinung des
New Yorker Makroökonomen Nouriel Roubini ist das derzeitige Währungsregime nicht
nur wegen der US-Schuldenexplosion instabil. Zudem führe das asiatische
Währungsdumping
– zu einer überzogenen Aufwertung des Euro, verdränge Europas Unternehmen von
den Märkten und provoziere Abwehrmaßnahmen der EU ;
– und zur Aufblähung der Geldmenge in China, weil für die Dollarkäufe zu viele
Yuan in Umlauf gesetzt werden. Die Geldschwemme erzeuge Fehlinvestitionen und
eine Immobilienblase, typische Vorboten einer gossen Anpassungskrise.
Vor allem der Kollateralschaden in Europa provoziert Streit. Zwar könnte die
Europäische Zentralbank (EZB) einfach ihrerseits mit Milliardeninterventionen
den Euro billig machen. Auf diesem Weg würden alle Industrienationen gemeinsam
„in Amerika ihren Joe Sixpack als Konsumenten bei Laune halten“, empfiehlt
Jesper Koll, Chefökonom für Asien der Investmentbank Morgan Stanley. Wenn die
Welt sich einig sei, könne Amerikas Defizit gut doppelt so groß werden.
Doch diesen Bruch mit ihrer Marktphilosophie werden Europas konservative
Notenbanker vermutlich verweigern. EZB-Chef Jean-Claude Trichet hat schon
angedeutet, wie er sich die Lösung des Problems vorstellt. „Wir haben eine
einheitliche Meinung, dass die Ersparnis in den USA zu gering ist“, erklärte er
vorvergangene Woche. Im Klartext: Die US-Regierung möge ihre Defizite mindern
und die privaten Haushalte zum Sparen anhalten, um die Flucht aus dem Dollar zu
stoppen.
Genauso argumentiert auch der wachsende Chor der Warner in Amerika. „Die Frage
ist nicht, ob das US-Defizit abgebaut wird, sondern wann und wie diese Anpassung
stattfindet“, schrieb kürzlich der IWF in seinem Jahresbericht. Ginge es nach
Mahnern wie Summers oder Roubini, dann würden Chinesen, Japaner, Europäer und
Amerikaner gemeinsam eine langsame Korrektur des bedrohlichen Ungleichgewichts
betreiben. Die Asiaten würden ihre Währungen aufwerten, die US-Regierung das
Staatsdefizit zurückfahren und die Zinsen anheben, Europa dagegen die Nachfrage
mit Niedrigzinsen und Konjunkturprogrammen stimulieren, um Kaufkraft für
US-Exporte zu schaffen.
Doch ein solches Szenario ist höchst unwahrscheinlich, weil alle Beteiligten
eisern an ihrem bisherigen Kurs festhalten. So spricht vieles dafür, dass die
Dollar-Bombe irgendwann ohne Vorwarung hochgeht, etwa wenn Chinas Turbowachstum
wegen allzu vieler Fehlinvestitionen in sich zusammenfällt und Peking sich die
teuren Dollarkäufe nicht mehr leisten will. „In Wahrheit weiß niemand, ob und
wann das passiert und was die Folgen sein werden“, gesteht Jesper Koll, der
langjährige Kenner der asiatischen Finanzmärkte. Aber eine andere merkwürdige
Erfahrung, so Koll, biete vielleicht einen Anhaltspunkt, wann es so weit sein
könnte. Immer wenn die Olympischen Spiele in Asien stattfanden, sei es bisher
zwei Jahre zuvor im betroffenen Land zum Crash gekommen. Nächster Gastgeber für
Olympia ist China im Jahr 2008.
NOTIZ VON MARGRIT KENNEDY
Eine der Lösungen aus dem Dilemma ist die Einführung einer komplementären
Regionalwährung: Bitte checken Sie Ausbildung unter der Rubrik Veranstaltungen
auf meiner Webseite:
http://www.margritkennedy.de